Wie entsteht Vertrauen?

Es gibt Pferde, die genießen das Geputztwerden und zeigen uns durch ihre vorgeschobene Oberlippe und verzückt geschlossenen Augen, dass wir genau die richtige Stelle gefunden haben. Nawar gehört nicht zu diesen Pferden. Aber dann kam mir eine Idee...


Er hat eigentlich sonst viel Vertrauen - geht inzwischen sogar mit mir in den Pferdehänger - aber putzen lässt er sich nur ungern. Er zwickt dann manchmal oder versucht auszuweichen. Lange Zeit dachte ich, das sei eben so und hielt ihn am Halfter fest, wenn ich seinen Kopf putzen wollte.


Aber irgendwann machte es klick bei mir

„Warum hindere ich mein Pferd daran, etwas auszuweichen, das ihm unangenehm ist? Wenn es mir wirklich ernst ist mit Vertrauen und Freiwilligkeit, dann kann ich seine Abwehr doch nicht übergehen!“.

 

Also lockerte ich seinen Anbindestrick so weit, dass er genug Raum hatte seinen Kopf wegzudrehen. Ich bürstete nur, wenn er mir seinen Kopf zuwandte. Drehte er ihn weg, hörte ich sofort auf. Zuerst drehte er den Kopf ziemlich lange weg. Ich dachte schon: „Das war’s – also kein Gesicht putzen“ aber dann drehte er plötzlich seinen Kopf zu mir und forderte mich fast schon auf, ihn zu bürsten.

 

Zwei drei Striche, dann wandte er sich wieder ab.

 

Aber er kam sofort wieder und diesmal drehte er den Kopf anders, so dass ich nun seinen Nasenrücken und nicht seine Ganaschen erreichen konnte. Danach schob er seine Nüstern vor. So entstand innerhalb von wenigen Minuten eine wunderbare Kommunikation auf Augenhöhe. Ein warmes Gefühl machte sich in meinem Herzen breit: „Er redet mit mir! Jetzt wo ich ihm endlich zuhöre, redet er mit mir!“

 

Nach ein paar Minuten war es ihm dann genug. Er ging ein paar Schritte rückwärts und zeigte mir so, dass er nun gerne grasen gehen möchte – und das taten wir dann auch.


Am nächsten Tag dachte ich: Und was wäre, wenn ich mein Pferd beim Putzen gar nicht anbinden würde? Was wäre, wenn er weggehen darf, wenn es ihm genug ist? Was würde das für unsere Beziehung bedeuten? Wird er dann einfach nur noch tun, was er will und gar nicht mehr auf mich hören? Oder wird es vielleicht sogar eine noch engere Verbindung zwischen uns schaffen?


Ich ließ ihn also im Roundpen frei. Ich begann zu putzen, aber er ging weg. Ich versuchte es noch mal, er ging wieder weg.


Frustration machte sich breit. Ich fühlte mich abgelehnt

Was wir Menschen immer so denken... Eigentlich sagte er doch nur: "Jetzt möchte ich gerade nicht geputzt werden!" Als mir das klar wurde beobachtete ich ihn genauer und bemerkte, dass er jetzt einfach grasen wollte. Das zarte Frühlingsgras, wuchs noch nicht sehr lange und er sehnte sich danach. Also ließ ich ihn auf die Koppel.

 

Das erstaunliche an diesem Tag war, dass er sich beim Grasen nie weiter als 30 cm von mir entfernte. Das war neu.

 

Am nächsten Tag machte ich es anders: Da Nawar das Grasen so wichtig war, gingen wir zuerst auf die Koppel und erst danach in den Roundpen. Und was soll ich sagen: Er war ein anderes Pferd! Er ließ sich die Ohren kraulen und er zeigte erstmalig an welchen Stellen er das Bürsten genoss!

 

Ich hatte am ersten Tag ja schon meine Zweifel, ob ich nachgeben soll, ihm tatsächlich seinen Willen lassen und mit ihm auf die Koppel gehen soll. Was, wenn er dann immer seinen Kopf durchsetzen will? Wenn er gar nicht mehr mitmachen will?


Was ich nicht erwartet habe war,  dass er statt dessen so kooperativ wurde und sogar Genuss am Putzen zeigte! Später an diesem Tag ritt ich ihn noch kurz und auch hier war er so kooperativ, wie ich ihn noch nie erlebt habe. War er sonst ein energiesparendes Pferd, das man ziemlich bitten muss, damit es auch nur eine halbe Runde trabt, so trabte er heute von selbst an und lief voller Energie mehrere Runden. Wow, das war wirklich anders!

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Karin Keller (Sonntag, 10 Mai 2015 09:28)

    Liebe Sarah,
    Deine Vorgehensweise beeindruckt mich sehr, Deine Geduld und Einfühlsamkeit sind wunderbar und regen zum Nachmachen an. Ein Satz bzw. altes Muster bleibt allerdings hängen: Was ist, wenn er dann nur noch das tut, was er will. Wo ist die Grenze oder gibt es gar keine?
    Bin auch am Probieren und falle doch wieder in dieses leadership-Prinzip zurück.

    Liebe Grüße
    Karin
    (war auch in Heimsheim und durfte die epona-Philosophie kennen und lieben lernen)

  • #2

    Sarah Brehm (Sonntag, 10 Mai 2015 12:57)

    Liebe Karin,
    es freut mich sehr, dass dich meine Vorgehensweise anspricht. Es ist mir wirklich ein großes Bedürfnis den Umgang mit Pferden achtsamer und feinfühliger zu gestalten. Und du hast recht, es sind noch alte Glaubenssätze da, manchmal hartnäckig, manchmal nur als ganz leise Erinnerung. Aber je mehr positive Erfahrungen ich mache, desto weniger Macht haben sie über mich :-)

    Vielleicht sehen wir uns ja in Heimsheim auf dem Horse & Spirit Festival am 15.-16. August 2015? Dort werde ich einen Demo-Workshop zu meiner Art von Freiarbeit anbieten.

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